Freie Menschen in der Falle

Ishah, Montag, 21. April 2003, 20:52 (vor 8017 Tagen)

(Dieser Beitrag erschien in der israelischen
Tageszeitung MAARIV am 18.4.2003 in der
Wochenendbeilage) - Michael Salkman (Los Angeles
Times)

htp://www.juedische.at

Einsamer Pessachabend in Bagdad: Die Juden
schlossen sich aus Angst zu Hause ein.

"Baruch ata Hashem" (Gelobt seist du Ewiger) sagt
Kalida Salah. Das ist der einzige Satz, den sie
aus der jüdischen Tradition in Erinnerung behalten
hat.Kalida ist eine von 40 Juden, die in Bagdad
geblieben sind. Den Sederabend, an dem Juden des
Auszuges aus Ägypten gedenken, verbrachte sie mit
ihrer Schwester Nidal in Angst.

"Baruch ata Hashem" für Kalida ist es die
Grundlage des Glaubens. Eine Verbindung, die fast
abgerissen ist. Die zwei Schwestern sind
Überlebende. Sie haben einen Staat überlebt, der
sie ausweisen wollte. Ein Staat, der ihnen verbot
einen Davidstern öffentlich zu tragen, ein Staat
der die uralte Thora in der Synagoge von Bagdad
konfiszierte.

Jetzt ist die ganze Stadt von Banden der Räuber
und Plünderer voll und die Juden schliessen sich
in ihrem Heim ein. Saddam war ein grausamer
Diktator, von ihm wussten sie wenigstens genau,
was sie zuerwarten hatten.

NICHTS IST SICHER

Heute ist nichts sicher. Die Juden, zumeist
betagte Menschen, können nicht am Sederabend in
der Synagoge zusammenkommen um die Feiertagsgebete
zu zelebrieren aus Angst, das Bethaus würde
geplündert, sobald seine Tore öffneten. Es ist
jedoch nicht der einzige Grund. Zwar erzählen die
beiden Schwestern über sehr gute Koexistenz mit
ihren islamischen Nachbarn, aber ihre Angst gibt
andere Hinweise. Taufik Sofer , 80 Jahre alt,
nennt Pessach EID AL FITER (islamischer Feiertag,
der das Ende des Ramadan kennzeichnet) und nicht
in seinem eigentlichen Namen "Eid al Fisa" Kalida
und Nidal betonten wiederholt, kein hebräisches
Buch im Haushalt zu haben.

Nachdem der irakische Übersetzer den Raum
verliess, zeigten die Schwestern eine
Sammlunggelber Haggadot in Hebräisch.

»WIR WURDEN MOSLEMS«

Kalida und Nidal sind sehr enttäuscht, dass die
wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernte
Synagoge nicht zum Feiertag geöffnet wird. Leider
wird nicht nur die Schliessung der Synagoge der
einzige Grund sein.

Als die beiden Kinder waren, erzählten sie mir,
gingen sie mit ihrer Mutter zu Verwandeten um zu
feiern. Heute ist niemand mehr übriggeblieben.
Alle starben oder verliessen den Irak. Die
Schwestern haben nie geheiratet. Sie haben nicht
genug Geld um Lebensmittel einzukaufen für ein
"befriedigendes Festmahl" Unter der Regentschaft
Saddams hatten sie Anrecht auf etwa 20 US-Dollar
monatlich vom Religionsministerium.

Mit dieser Summe konnten sie sich Esssen zu den
Festen kaufen. Nach dem Fall des Regimes gibt es
kein Geld mehr und keine Möglichkeit, den Feiertag
würdig zu begehen.

In ihrer Kindheit hielten beide den Shabbat. "Wir
leben heute in einer islamischen Gesellschaft.

So wurden wir Moslems, weil wir keine andere Wahl
hatten" so Kalida.

EINE EINFACHE MEZUZA AUS HOLZ

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Irak
reicht 2500 Jahre zurück.,auf die Besetzung des
Königreiches Judäa durch Nebukadnezer. Seit dieser
Zeit, etwa 2000 Jahre lang blühte die jüdische
Gemeinde im Irak., ihre Kultur integrierte sich
vortrefflich in die Sprache und der lokalen
islamischen Kultur. Nach dem zweiten Weltkrieg
lebten noch mehr als 100.000 Juden im Irak.

Mit dem nationalen Erwachen in der arabischen Welt
in den 40er und 50er Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurden die Juden unerwünscht. In den
50er-Jahren war die irakische Monarchie so sehr
von der Idee angetan, die Juden loszuwerden, dass
ihnen sogar die Erlaubnis gegeben wurde, ihren
gesamten Besitz zu behalten, wenn sie nur die
Staatsbürgerschaft aufgeben und das Land verlassen
würden.

Viele folgten dem Ruf und wanderten nach Israel
und in westliche Staaten aus.

Das einzige was heute in Bagdad von der Gemeinde
übrig blieb ist eine Synagoge mit gelben Ziegeln
inmitten des BATAWAIN Bezirkes von Bagdad. Das
Gebäude wird durch eine drei Meter hohe Betonwand
verhüllt und ist mit Eisentoren verschlossen. Der
einzige Hinweis auf die Bestimmung des Gebäudes
ist eine kleine Inschrift mit den Namen des des
Platzes und eine einfache Mezuza aus Holz auf der
Eingangstür. In der Synagoge gibt es keinen
Rabbiner, der letzte ging vor 30 Jahren weg.So wie
der Rabbiner wirkt die ganze Gemeinde so, als ob
sie auf dem Wege ist zu verschwinden.

Freie Menschen in der Falle

erbarmen, Montag, 21. April 2003, 21:20 (vor 8017 Tagen) @ Ishah

Ishah schrieb:




Das einzige was heute in Bagdad von der Gemeinde
übrig blieb ist eine Synagoge mit gelben Ziegeln
inmitten des BATAWAIN Bezirkes von Bagdad. Das
Gebäude wird durch eine drei Meter hohe Betonwand
verhüllt und ist mit Eisentoren verschlossen. Der
einzige Hinweis auf die Bestimmung des Gebäudes
ist eine kleine Inschrift mit den Namen des des
Platzes und eine einfache Mezuza aus Holz auf der
Eingangstür. In der Synagoge gibt es keinen
Rabbiner, der letzte ging vor 30 Jahren weg.So wie
der Rabbiner wirkt die ganze Gemeinde so, als ob
sie auf dem Wege ist zu verschwinden.

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Man kann hier nur hoffen, dass etwas passiert, was
die Geschichte der irakischen Juden entspricht:
Neues jüdisches Leben im Irak. Leider kann ich es
kaum glauben......

Freie Menschen in der Falle

Ishah, Dienstag, 22. April 2003, 01:05 (vor 8017 Tagen) @ erbarmen

Es ist eine allgemeine Tendenz in den
arabisch-islamischen Ländern. Aus dem Land wo ich
herstamme, gab es 1945 rd. 250.000 Juden. Heute
leben dort mal gerade 5.000. Es ist mit die älte
Diaspora der sefardischen Juden, die sich in zwei
Phasen gebildet hatte: die erste, kleinere, nach
dem Niedergang Carthagos (wo damals schon Juden
lebten) und dann, nach der Zerstörung des zweiten
Tempels. Die lange und bewegte Geschichte seit dem
dritten punischen Krieg, hat da kaum etwas
bewirkt. Erst nach dem zweiten Weltkrieg änderte
sich das. Die meisten gingen nach Israel, ein Teil
in das Land der ehemaligen Kolonialmacht, wo heute
ca. 700.000 Juden leben.

Freie Menschen in der Falle

Nachtrag, Dienstag, 22. April 2003, 01:10 (vor 8017 Tagen) @ Ishah

Eine weiterer Zustrom von Juden gab es währen der
Reconquista, Ende des 15. Jhds. (bis 1492) aus
Spanien, jedoch waren zu dieser Zeit die großen
jüdischen Zentren bereits lange etabliert. Das nur
um der Vollständigkeit halber.

Freie Menschen in der Falle

Monika, Donnerstag, 24. April 2003, 15:10 (vor 8015 Tagen) @ Nachtrag

Das war ein sehr guter Hinweis, Ishah

Danke.
Gruss-Moni

Freie Menschen in der Falle

Ishah, Donnerstag, 24. April 2003, 17:01 (vor 8015 Tagen) @ Monika

Hallo Monika! :)

Freie Menschen in der Falle

Sarah @ erbarmen, Dienstag, 29. April 2003, 01:01 (vor 8010 Tagen) @ erbarmen

erbarmen schrieb:

Man kann hier nur hoffen, dass etwas passiert, was
die Geschichte der irakischen Juden entspricht:
Neues jüdisches Leben im Irak. Leider kann ich es
kaum glauben......


Der folgende Artikel macht doch ein wenig Hoffnung
oder?

Iraker verhindern Plünderung der jüdischen
Gemeinde
18/04/2003 12:01

Die israelische Tageszeitung Jerusalem Post
berichtet in ihrer Freitagsausgabe unter Berufung
auf die Nachrichtenagentur AFP, dass Einwohner der
irakischen Hauptstadt Bagdad, die Plünderung einer
kleinen jüdischen Gemeinde in ihrem Viertel
verhindert haben. Die jüdische Gemeinde Bagdads,
die zu einer der ältesten im Nahen Osten gehört,
zählt heute nur noch 40 bis 60 Mitglieder.

Von Z.S. Kuhar / NahostFocus

Dem Bericht zufolge kam es am vergangenen Samstag
zu der versuchten Plünderung des "Komitees für
religiöse Angelegenheiten Esra Menahel Daniel",
einem kleinen jüdischen Zentrum in der Bagdader
Rashid Straße. Zuvor hatten Randalierer das
Namensschild vom Eingang entfernt. Zwei Männer
versuchten darnn, die Eingangstür aufzubrechen, so
AFP weiter. "Wir kamen gleich rüber und fragten
sie, was sie wollen", berichtet der 50jährige
Abdullah Nurredin, der in unmittelbarer
Nachbarschaft des jüdischen Zentrums wohnt. "Als
sie unsere Blicke
sahen, sind sie ohne ein weiteres Wort gegangen".
"Die Juden haben immer hier gelebt, und es ist
normal, dass wir sie verteidigen", so ein anderer
Nachbar.

Im Batauin-Distrikt, einem anderen Stadtteil
Bagdads, soll sich AFP zufolge eine bewaffnete
Bürgerwehr gegründet haben, die die örtlichen
Einrichtungen inklusive der Synagoge vor
Plünderern schützt. "Wir verteidigen die Synagoge
wie alle anderen Häuser in der Straße und wir
werden niemandem gestatten sie anzutasten", so der
19jährige Informatikstudent Edward Benham, der als
christlicher Iraker selbst zu einer Minderheit
gehört.

Unterdessen versucht die vom Verschwinden bedrohte
jüdische Gemeinschaft im Irak das diesjährige
Pessach-Fest zu feiern. "Jemand hat einmal
gewusst, wie man den ´Seder´ begeht", das
traditionelle Pessach-Abendmahl. "Ich kann es
nicht", so eine junge Frau, die mit ihren 37
Jahren das jüngste Mitglied der Gemeinde ist,
gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Einige
Beobachter schätzen, dass der Sturz des Regimes
von Diktator Saddam Hussein nicht nur der
kurdischen und christlichen Bevölkerungsminderheit
eine neue Tür im zukünftigen Irak öffnen könnte.
Auch für die verbliebenen 40 bis 60 Bagdader Juden
könnte eine
tolerantere Epoche bevorstehen. Die Beziehung
zwischen irakischen Juden und Muslimen ist noch
immer durch tiefe Wunden geprägt.

Die einst blühende jüdische Gemeinde im Irak kann
auf eine Geschichte zurückblicken, die bis in das
babylonische Zeitalter 597 vor Christus reicht.
Mitte
der 1920er zählte man in Bagdad noch 250.000
Juden. Während der türkisch-osmanischen Herrschaft
lebten irakische Juden und Christen trotz ihres
Status als Bürger zweiter Klasse in relativem
Frieden und Sicherheit. In den 1940er Jahren kam
es dann zu zahlreichen von Nazi-Deutschland
inspirierten Pogromen
gegen die jüdische Bevölkerung. Nach der Gründung
des Staates Israel 1948 (Siehe dazu
UN-Teilungsplan und Unabhängigkeitskrieg) flohen
etwa Zweidrittel der
jüdischen Einwohner vor den massiven
Ausschreitungen der muslimischen Bevölkerung. Die
meisten wanderten nach Israel, Nordamerika und
Europa aus. Tausende verließen in der Periode bis
1967 in mehreren Wellen das Land. Nach der
Niederlage der arabischen Armeen im
Sechs-Tage-Krieg 1967 wurden zahlreiche Juden
wegen ihrer Religionszughörigkeit in Bagdad
öffentlich gehängt.

Die verbliebenen Juden, aber auch viele Christen
und Kurden Bagdads sehen nach der Befreiung von
der jahrzehntelangen Unterdrückung und Verfolgung
nun
mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft. Ob
sich ihre Hoffnungen erfüllen werden, wird sich in
den kommenden Jahren herausstellen.

quelle:
http://www.juden.de/forum5/showtopic.php?threadid=
4




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