Für alle, die nicht glauben mögen...
Zunächst einmal: Es war ja eben nicht nur 1991 so.
Glauben Sie, daß es auch nur einem einzigen
Regimegegner vor 1991 oder nach 1991 besser
ergangen ist? Niemand hat bisher auch nur den
Schimmer einer Vorstellung vom Ausmaß dessen, was
da wirklich passiert ist. Wenn man bereits jetzt
mit etwa 200.000 Menschen allein in Massengräbern
rechnet, ein Großteil davon Menschen, die bei
lebendigen Leib vergraben wurden, dann möchte ich
mir gar nicht ausmalen, was wir noch alles zu
hören bekommen werden. (So es denn hierzulande
überhaupt außerhalb der Randnotizen berichtet
wird, was momentan glücklicherweise immerhin noch
der Fall ist.)
Wurde zwar schon mehrfach gesagt, aber die
Schiiten und Kurden wurden 91 von Bush zum
Aufstand gegen Saddam Hussein ermutigt und dann im
Stich gelassen.
Eine Verfehlung, die sich alle, die an diesem
Krieg beteiligt waren, auf ihre Fahnen schreiben
dürfen, ganz weit vorn dabei Frankreich, das zwar
eine Abstrafung Saddams mitgetragen hat, aber zu
einem Regimewechsel damals auch nicht bereit war,
welche Gründe auch immer es gehabt haben mag. Ich
habe nie etwas anderes gesagt, als daß ich das
damalige Vorgehen falsch fand. Aber es beruhte auf
einem breiten internationalen Konsens und war
übrigens auch die konsequente Befolgung der von
der UNO vorgegebenen Handlungslinien. Und damals,
so kurz nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes und
in der Ungewißheit über die künftige Gestalt des
internationalen Systems, waren die Amerikaner -
leider! - nicht so draufgängerisch, daß sie sich
notfalls auch über die UNO hinweggesetzt hätten.
Wozu übrigens auch der Druck der damaligen
Friedensbewegung durchaus einiges beigetragen hat,
der eine Fortsetzung des Krieges bis nach Bagdad
massiv erschwert hätte. Übrigens: Hätte man das
Regime damals gestürzt, dann würde heute kaum
jemand erfreut bemerken, was für ein Terrorregime
man beseitigt hätte, sondern dann wäre schlichtweg
die ´Blut-für-Öl´-These als Erklärung noch mehr
herausgehoben worden, und zack, hat Amerika wieder
alles falsch gemacht. Amerika kann nämlich handeln
wie es will, es ist immer falsch. Z. B.: Amerika
mischt sich in Ruanda nicht ein; Amerika ist
schuld am Gemetzel. Amerika mischt sich - im
Rahmen der UNO! - in Somalia ein - vehemente
Proteste gegen die selbsternannte Weltpolizei USA.
Amerika mischt sich im Nahostkonflikt zu wenig ein
- Amerika ist schuld, daß es keinen Frieden gibt.
Amerika mischt sich im Korea-Konflikt ein -
Amerika ist schuld, daß die Spannungen wieder
hochkochen. Nach dem Schema läuft die Deutung
wieder ab. Das ist zwar bequem, aber doch ein
wenig verschroben, finden Sie nicht?
Schließlich: Die Politik, die die 91er-Koalition
bezüglich der Aufstände betrieben hat, ist doch im
Endeffekt genau jene Deutschlands oder Frankreichs
2003: Man lehnt Saddam ab und würde einen Umsturz
im Land durchaus begrüßen, wenn es dann aber darum
geht, konkret etwas dagegen zu tun (und ggf. auch
etwas dafür zu riskieren), daß Saddam jeden, der
ihm nicht paßt, hinmetzeln läßt, dreht man lieber
Däumchen, weil man Angst davor hat, daß sich
tatsächlich Veränderungen ergeben könnten, obwohl
eigentlich genau das das Ziel sein sollte.
Selbstverständlich hätte
man eingreifen müssen!
Wenn man 1991 hätte eingreifen müssen, wieso dann
nicht 2003? Auch 2003 sind Regimegegner aufgrund
fehlender Hilfe von außen getötet worden, wenn
auch vielleicht nicht ganz in dem Umfang wie 1991.
Dafür war z. B. die Hungersnot viel größer als
1991, obwohl, wie man ja derzeit sehr schön sehen
kann, an Geld für Nahrungsmittel im Irak nun
wirklich kein Mangel herrschte und somit eben
nicht vorrangig das Embargo daran schuld war
sondern die Diktatur.
Sie jetzt zur
Rechtfertigung eines Krieges zu missbrauchen, ist
schamlos!
Darauf hinzuweisen, wozu dieses Regime fähig war,
finde ich keineswegs schamlos. Und ich wiederhole:
Es geht hier nicht nur um 1991. Es geht um eine
jahrzehntelange Geschichte von Folter, Massakern
und Völkermord. Wenn man dagegen lange nicht
massiv genug vorgegangen ist, war das in meinen
Augen ein großer Fehler. Daß das Regime nun
gestürzt wurde - unter welcher primären Motivation
auch immer; da bewegen sich wohl alle im Raum der
Spekulation - ist in meinen Augen unendlich
erfreulich, so furchtbar jedes einzelne Opfer
dieses Krieges ist. In jedem Fall aber ist mit
neuen Massengräbern in absehbarer Zukunft dort
nicht mehr zu rechnen. Und wenn das nicht
begrüßenswert ist, weiß ich es nicht.
gesamter Thread:
- Für alle, die nicht glauben mögen... -
GegenGerd,
13.05.2003, 23:37
- Für alle, die nicht glauben mögen... -
Bell @ GegenGerd,
14.05.2003, 01:31
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Flautino, 14.05.2003, 11:27
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Evi Dentz @ GegenGerd,
14.05.2003, 11:34
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Stephan @ Evi Dentz,
14.05.2003, 16:11
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Evi Dentz @ Stephan, 15.05.2003, 10:43
- Für alle, die nicht glauben mögen... -
GegenGerd@ED,
14.05.2003, 23:39
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Stephan@GegenGerd,
15.05.2003, 00:08
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Bernd@Stephan, 15.05.2003, 00:30
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Bernd@GegenGerd, 15.05.2003, 01:24
- Für alle, die nicht glauben mögen... -
Stephan@GegenGerd,
15.05.2003, 00:08
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Stephan @ Evi Dentz,
14.05.2003, 16:11
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Ishah, 14.05.2003, 16:48
- Für alle, die nicht glauben mögen... - Duni, 15.05.2003, 23:49
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Bell @ GegenGerd,
14.05.2003, 01:31