Über den Radiowecker und die Entwicklung des Musikmarkts

NN, Freitag, 05. März 2021, 18:03 (vor 43 Tagen) @ Alex
bearbeitet von NN, Freitag, 05. März 2021, 18:52

Spätestens seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Arafat ist selbst diese ursprünglich honorige Preisverleihung ein Beleg für die Verkommenheit solcher Rituale, seien es auch die Alternativen Nobelpreise oder Bundesverdienstkreuze.
Da muss ich abschalten.


OK, gleichwohl möchte ich festhalten, dass z.B. das Ehepaar Sahin nichts für Arafat kann (oder aber auch für bundesdeutsche Impfbummelei).

Zweifellos.
Globale oder nationale Anerkennung lehne ich nicht ab.
Mich nerven eher die Entscheidungsfindungen und die Verleih-Rituale.
Siehe Dein verlinktes Video.

Kopfschwitz hatte diesen Laberfrittenjob beim HR übrigens schon einmal, lange, bevor er sein Stelldichein bei RTL gab.
Da war er jugendlich frisch und spielte die aktuelle Musik. Genau diese spielt er jetzt 30 Jahre später immer noch.


Also genau die Musik von vor 30 Jahren oder (nur, und auch nur) die aktuelle von heute?

Er spielt die Hits der (überwiegend weiblichen) Generation, die in den nächsten 10 Jahren in Rente geht. ;-)

Das Morgengrauen beginnt mit ABBA und endet mit Phil Collins. Wobei vor allem die 80er in so ziemlich jeder Dimension eine ästhetische Katastrophe waren.

Da fällt mir gerade ein, dass ich doch einen mittlerweile sehr alten Radiowecker, der drei Meter von meinem Bett entfernt auf der Erde steht, benutze, dessen Weck-Mode auf "Radio" steht, und nicht auf "Buzzer". D.h., ich springe so sehr schnell raus, auch wenn ich mitunter direkt danach zunächst wieder ins Bett gehe. So kann ich mich vergleichsweise häufiger an irgendeinen Scheiß, den ich geträumt habe, erinnern, als an das, was da eben aus dem konventionellen Pop-Radio kam.

Die von dir angesprochene Wiederholung des ewig Gleichen ist übrigens nicht allein dem Alter arrivierter Moderatoren sowie, wichtiger noch, relativ geburtenstarken Jahrgängen und ihren analogen Hörgewohnheiten geschuldet, sondern auch der Entwicklung der Verbreitungsmedien ab Ende der 90er, die den populären Musikmarkt stärker verändert hat, als die ganzen 40 Jahre vorher.

Sven Regener hat wahrscheinlich etwas übertrieben, wenn er vor acht Jahren gesagt hat, dass es "für die Leute zwischen 15 und 30 keine endemische Musik mehr" gäbe (1:45), aber er hat einen Punkt* (Interview in voller Länge hörenswert):

https://www.youtube.com/watch?v=UZLsXYBJ08I


Youtube und ITunes bieten für Künstler auch positive Aspekte, aber die geringere Anzahl von Musiklabels hat das Angebot unterm Strich nicht eben verbreitert, auch innerhalb von Sparten. D.h.: Wir hören das alte Zeug, das von Künstlern aus den 60ern bis 90ern produziert wurde**, egal, ob wir es im Einzelnen gerne / völlig freiwillig hören oder nicht, nicht nur deshalb relativ häufiger als neueren Kram, weil wir durch alte Gewohnheiten geprägt sind, sondern weil z.B. Pink eine Künstlerin ist, die sozusagen weniger Konkurrenz hat.

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man etwa Konzertplakate vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt: Größtenteils handelt es sich um Künstler oder Bands, die zwischen den 70ern und 90ern ihren Durchbruch hatten und (immer) wieder auf Tour gehen. Danach kam vergleichsweise weniger.

Das gilt auch für die Sub-Genres. So handelt es sich bei den Top-Acts auf Rock/Metal-Festivals auch überwiegend um Bands, die schon 20 Jahre und länger im Geschäft sind.

* Auch wenn er im gegebenen Zusammenhang den demografischen Aspekt übersieht: Auch geburtenstärkere Alterskohorten machen Stars. So hört der Jahrgang 1965 (+/-) in den meisten westlichen Ländern mehr Musik (und spielt sie wiederholt ab), weil er häufiger vorkommt, als der Jahrgang 1995 (+/-). Entsprechend konnten sich mehr Künstler auf Dauer etablieren, weil sie eine größere, typische Zielgruppe hatten; ggf. hatten sie es auch einfacher, mit der Zeit auch innerhalb der nächsten Jahrgänge populär zu bleiben.

** Oder genauer: Die in dieser Zeit ihren Durchbruch geschafft haben.


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