Was für ein Elend...

NN, Dienstag, 03. Oktober 2017, 19:16 (vor 15 Tagen) @ alex

"Und auch umgekehrt kann ich, zumindest Deutschland anbetreffend, am Horizont keine politischen Mehrheiten ausmachen, die den Sozialstaat in seiner heutigen Form abschaffen könnten/wollten."

Politische Mehrheiten sind tatsächlich keine da, dafür aber ökonomische Fakten. Wenn der Anteil der Netto-Steuerzahler sinkt, während die Steuergelderbezieher immer mehr werden, erledigt sich der Sozialstaat von alleine.


That‘s it!

Steuergelderbezieher = Volltransferbezieher?

Falls ja:

Anteil mittel- und langfristig höher wg. geburtenschwächeren Jahrgängen und (teilweiser) Armutszuwanderung?

Falls ja, was dagegen spricht:


1. Es gab, gibt und wird wahrscheinlich auch weiterhin nicht nur Armutszuwanderung (mit höherem "Sozialtransferisiko") geben. Ohne Handwerker mit osteuropäischem Background ginge z.B. auf Berliner Baustellen nur noch wenig.


2. Die Lebensarbeitszeit wird sich wahrscheinlich verlängern.


3. Vor allem: Wenn mehr oder weniger geburtenschwächere Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen, folgt daraus auch, dass die Arbeitslosigkeit (konjunkturbereinigt) tendenziell weiter sinkt und damit entsprechend auch die Anzahl der Volltransferbezieher.

Die Klage über Fachkräftemangel wird wohl zunehmen, aber eben nicht die absolute Zahl der Arbeitslosen/Sozialhilfeempfänger.


Ich kann mich noch daran erinnern, dass das Verteidigungsbudget der größte Einzelposten im Staatsetat war.
Lang ist‘s her...:-D
Die Sozialausgaben wachsen nun seit Jahrzehnten, auch durch die Zuwanderung.
Und durch die verstärkte Einmischung des Staates in praktisch jeden Lebensbereich.
Da stehen mittlerweile Töpfe zur Verfügung, da kann man nur staunen, wie das soziale Gerechtigkeit befördern soll.
Beispiel?
In meinem Umfeld leben Menschen in alternativen Wohnprojekten.
Durch die abziehenden Amerikaner wurden Wohnblocks frei, in denen sich konzeptionell sowas wie eine DDR 2.0 etabliert hat mit all dem Wahnsinn wie Plenum und Volxküche...
Das hiesige Sozialamt zahlt einen großen Zuschuss, auch wenn die Bewohner samt Blagen mal in den Urlaub wollen.
Dann wird in einem großen Tross gemeinsam in den Süden gedüst.
Versuche das mal als Alleinerziehender....
Die aktuelle Armutszuwanderung bedroht dieses System und wenn ein immer kleiner werdender Teil der für das Steueraufkommen verantwortlichen Steuerzahler für immer mehr von staatlichen Transfers abhängigen Menschen schuftet, aber gleichzeitig kein Vermögen mehr aufbauen kann wie es den Menschen in den 60ern und 70ern möglich war, dann birgt das sozialen und finanziellen Sprengstoff.
Es gab mal vor ein paar Jahren eine Doku, in der man die Einkommen von Arbeitern in vergleichbaren Jobs in den USA, Japan und Deutschland und deren steuerliche Belastungen gegenüberstellte.
Der Japaner und der Ami hatten in etwa die gleichen Belastungen (ca. 30% des Bruttoeinkommens) , in etwa soviel wie auch ein Deutscher in den 60ern. Damit war für den Normalsterblichen in Deutschland das eigene Häuschen, sprich Vermögensaufbau, möglich.
Das ist für den heutigen deutschen Arbeitnehmer nicht mehr möglich, aus diesem Grund ist das Vermögen der einzelnen Bewohner des reichsten Landes Europas auch ein Witz gegenüber den ärmeren Nachbarn.
Die Statistik dazu lässt sich im Netz finden.

https://www.welt.de/wirtschaft/article115143342/Deutsche-belegen-beim-Vermoegen-den-let...

Armutszuwanderung durch offene Grenzen bei gleichzeitigem Wohlfahrtsstaat schließen sich meiner Meinung nach aus.
Sie werden zur Überlastung des Wohlfahrtstaates führen, aber auch zu großem Unmut, aus welchen Gründen auch immer.
Nur weil aktuell gebaut wird wie blöd ( was ja auch gut ist), es faktisch nicht möglich ist, vor dem nächsten Frühjahr überhaupt Handwerker für einen geplanten Bau zu bekommen, haben wir auf der anderen Seite ganze Viertel , die vom Wohlfahrtsstaat leben und da findet man wenig Osteuropäer...
Momentan boomt der Laden. Und damit fließen auch genügend Gelder in Form von Steuereinnahmen.
Sollte das durch die Umbrüche in der Technologie vorübergehend ein Ende finden, wird es zu Veränderungen im System der Transferleistungen kommen müssen.
Auch weil die Kosten für die innere Sicherheit steigen werden. Ein Teil des Phänomens Wohlfahrtsstaat...
Und die Demographie?
Die Einwohner Deutschland werden in den nächsten Jahren nicht weniger, sondern mehr werden.
Gestrige Veröffentlichungen gehen von 83 Millionen in den nächsten Jahren aus.
Geburtenstarke Jahrgänge sind bestimmt nicht der Grund dafür.

https://www.iwd.de/artikel/83-millionen-einwohner-in-deutschland-284154/


Ich möchte nun keine Probleme und Konflikte kleinreden, aber das gleichsam automatische Ende des Sozialstaats in seiner heutigen Form vermag ich daraus immer noch nicht abzuleiten. Was selbstredend nicht heißen soll, dass es in meinen Augen keine unsinnigen Sozialtransfers gäbe oder ich in Armutszuwanderung kein Problem sehen würde.


1. Zur EZB-Studie (über die hatte ich andernorts schonmal diskutiert): Sie zeigt einerseits mehrere interessante Aspekte auf, andererseits ist sie mit Blick auf tatsächlichen Wohlstand oder tatsächliche Armut in Europa aus den im Artikel selber angeführten Gründen nur bedingt aussagekräftig.

Ein Aspekt, der die durchschnittlich relativ geringen Vermögen in Deutschland erklärt, bleibt hier übrigens außen vor: 40 Jahre Sozialismus. Die Westdeutschen hatten 40 Jahre mehr Zeit, Vermögen (kleinere, mittlere, größere) aufzubauen und auch weiterzugeben. Oder sagen wir es so: Ein knappes Viertel der Bevölkerung hat nicht Omas Häuschen (als Chiffre für kleine und mittlere Erbschaften) geerbt und wird es auch nicht erben - und wenn doch, dann ist es im Durchschnitt weniger wert.

Ein weiterer, insgesamt weniger relevanter, aber dennoch erwähnenswerter Aspekt ist das durchschnittlich schlechte Spar- und Geldanlageverhalten der Deutschen. Immer noch lassen zu viele Deutsche (darunter auch kaufmännisch gebildete Personen) Geld, das sie auf absehbare Zeit nicht investieren oder verkonsumieren wollen, auf Festgeldkonten verschimmeln, anstatt es in Finanzprodukte zu investieren.

Die Franzosen etwa sind bekanntlich nicht unbedingt ein kapitalistisches Volk, aber die Aktiensbesitzquote ist in Frankreich doppelt so hoch wie die in Deutschland. Wenn ein franzöischer Bauer ein Feld verkauft hat, dann kauft er sich vier Aktien französischer Konzerne und lässt sie einfach lange Jahre liegen. Viele Deutsche, die man nicht arm nennen kann, machen mit ihrem Sparvermögen dagegen nichts, regen sich lieber über die niedrigen Zinsen auf und erinnern sich (meistens) zu optimistisch an das gute alte Sparbuch.

Symptomatisch im gegebenen Zusammenhang: Untergangsprophet Roland Tichy, der lange Zeit Publikationen herausgegeben hat, in denen auch erklärt wurde, wie man jenseits des Sparbuches konservativ etwas Geld anlegen kann, verkündet im Fernsehen, das der deutsche Sparer verloren und die EZB unser Unglück ist.


2. Zum IWD-Link: Was an sich an einer steigenden Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland problematisch sein soll, ist schleierhaft; dass Armutszuwanderung (oder genauer: Zuwanderung in die soziale Sicherung) ein Problem ist, habe ich ja gesagt. Die Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland bestand und besteht allerdings mitnichten nur aus Armutszuwanderung. Darüber wird im Allgemeinen nicht so viel geschrieben.

Bist du jetzt unter die beknackten AfDler gegenagen, die glauben, dass ein Deutschland mit 65 Millionen Einwohnern mehr durchschnittlichen Wohlstand bedeuten könnte?


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