MAGA math

Boothby, Sonntag, 03. Juli 2022, 21:44 (vor 89 Tagen) @ Alex

Mich beschleicht beim Lesen zweierlei: Erstens, dass Pickert hier ziemlich genau die Talking Points heute prominenter Never Trumper widerkäut, welche in kurz darauf hinauslaufen, dass Dems ein desorganisierter Haufen wären, weshalb sie die Verantwortung dafür träfe dass die politisch abgewirtschafteten Reps wie Scheiße an ihren Sohlen klebten.

Rick Wilson, Promi-Project-Lincolner, stellt etwa darauf ab, Dems könnten einfach kein Wahlkampf weil sie nicht begriffen hätten, worum es dabei ginge. Oder Tom Nichols, der skurrilerweise des Öfteren auf die Unbeliebtheit progressiver Postergirls and -boys bei den Dems abstellt (so als habe es irgendwann mal einen monolithischen Block gegeben) bzw., noch irrer, auf die Schulpolitik, die in den USA doch drastisch anders geregelt ist als bei uns (er findet, dass Dems sich hier unnötig eine Blöße geben würden, was deshalb skurril ist, weil in pro-trumpistischen Netzwerken Videos von Transen bzw. Drag Queens im Beisein von Kindern gehandelt werden wie früher News über Clintons Email-Verbrechen).

Da ist einiges verdreht, so zum Beispiel E. Warrens Hinweis auf die Illegitimität des SCOTUS. Und zwar deshalb, weil er so tut, als wäre das eine Nachwirkung der trumpschen Performance. Das ist Quatsch, in jeder denkbaren Welt würde diese Behauptung zum Repertoire auch prominenter Figuren der Dems gehören, selbst Biden hat darauf verwiesen dass Leib und Leben von Frauen in den USA ab jetzt gefährdet wären.

Tatsächlich müssen sich die Dems sorgen machen wegen 2024 (oder auch nur die Midterms), und man kann beherzt davon ausgehen dass Dems sich für die Mobilisierungshilfe beim SCOTUS bedanken werden. Es liegt in der Natur der Sache dass Dems nicht über das selbe Arsenal an Symbolthemen verfügen wie die Reps, hier ist mal eines. Frauen in Suburbia waren schon zuvor die schwache Flanke der Reps, here we go.

Daneben sind die Talking Points der Never Trumper auch aus einem anderen Grund skeptisch zu sehen: Zu den unumstößlichen Legenden dieser Gruppe gehört es, dass Reps eigentlich ganz OK waren bis plötzlich ein Trump daher kam. Anders auch kaum denkbar: Bis 2015 waren sämtliche Protagonisten streng republikanisch aufgestellt.

Nur hat sich der einhergehende Wahnsinn schon lange vorher abgezeichnet, es wird umgekehrt ein Schuh draus. Dass sich 2012 nochmal ein Romney als vermeintlich vernünftiger Kandidat durchsetzen konnte war die Ausnahme von der zu dem Zeitpunkt schon akzeptierten Normalität innerhalb der Reps, so wie die Palins 2008 schon. Nirgend wird die Schutzbehauptung deutlicher als beim republikanischen Edelfeder-Godfather himself, Bill Kristol, der mit Trumps Erscheinen einen regelrecht erleichterten Eindruck machte, so als könne er nun sämtliche Irrationalitäten der eigenen Schaffensperiode hinter sich lassen.

Für Beobachter auch im Rückblick verwirrend, aber das Fass zum Überlaufen brachte letztlich Obama. Ein schwarzer brillanter Rhetoriker war schlicht für das weiße Amerika nicht verkraftbar. Simple as that.

Ein weiteres Problem des Artikels ist offenbar semantischer Natur: Pickert vermengt fließend Probleme der Democrats mit der US-Demokratie als solche. Als ob Gerrymandering (bzw. die hier unerwähnt gebliebene Manipulation von Wählerregistern oder die tendenzielle Verschiebung des Wahlprotokolls zugunsten der Republikaner) den Democrats anzulasten wären.


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