Klangbox

NN, Donnerstag, 01. April 2021, 21:58 (vor 16 Tagen) @ Udosefirot

"Falls du also doch meinen solltest, ob die verlinkte Aufführung von Bull werkkonform ist: Wenn die Notation auf Kopien des originalen Notentextes und nicht auf spätere Bearbeitungen zurückzuführen ist und Bull oder irgendein Hofmusiker, der das Stück gespielt bzw. aufgeführt hat, es mit dem in der Aufnahme rekonstruiert verwendeten Instrument hätte spielen können: Ja, weitestgehend"

Werkgetreu, na ja. Sehen wir uns doch mal Harnocourt und seine Aufführung von Monteverdi`s
Orfeo an. Sicher ein Meilenstein, aber Werkgetreu, eher eine Rekonstruktion dessen was
die Musikwissenschaft als eben Werkgetreu ansah. Klar...keine Kastraten, eben nur einen
Contertenor - ein schaler Ersatz, aber es geht halt nicht anders, soweit darf WERKTREUE
dann doch nicht gehen.
https://www.bing.com/videos/search?q=monteverdi+orfeo+contertenor&docid=60805460482...
(trotzdem, wie würde sich dies mit einem Kastraten anhören, seufz?

Oder der Kammerton A, der allgemein als Standart definiert sein sollte, aber doch abweicht.
Das aller härteste sind dann die Koryphäen, die fast jährlich neue Erkenntnisse über die
sogenannten korrekten Metronom Angaben bei Beethoven veröffentlichen.

Werkgetreu ist immer auch Zeitbedingt und Ausdruck der jeweiligen Aufführungspraxis.

Es trifft zu, dass auch die historische Aufführungspraxis relativ zum Zeitpunkt ihrer (modernen) Aufführungszeit ist. Aber deshalb schrieb ich weiter oben "Ja, weitestgehend". Entsprechend hat Harnoncourt den Orfeo später noch einmal anders aufgeführt.

Der Punkt ist allerdings, dass die relativ eben nicht beliebig bedeutet. Was man z.B. sicher weiß, ist, dass der Kammerton A früher definitiv tiefer lag. Auch weiß man definitiv, dass etwa bestimmte Sätze in Beethoven-Sinfonien, die in romantischer Tradition bis in die 80er-Jahre hinein zerdehnt gespielt wurden, früher teils in der Hälfte der Zeit gespielt wurden.

Ich kann mangels eigener Expertise nun nicht genau sagen, ob vorhandene Metronom-Angaben einfach aktiv missachtet worden sind und oder ob es nachschöpfende Abschriften / Kopien des originalen Notentextes gegeben hat. Sicher ist, dass teils sehr stark abgewichen worden ist. Bei Arturo Toscanini war das übrigens schon weniger Fall, er bemühte sich Beethoven in den (annähernd) ursprünglichen Tempi spielen zu lassen - und mit weniger Vibrato.

Auch wenn er sein(e) Orchester natürlich nicht mit Darmsaiten und ventillosen Hörnern spielen ließ (und ungepolsterten Klöppeln).

Aber mit diesem Hintergrundwissen bekommt man einen besseren Sinn dafür, wieso manche Zeitzeugen von Beethoven-Aufführungen erschüttert, und nicht etwa (nur) gerührt waren. Weil (tendenziell) schnellere Tempi, weniger Vibrato, Darmsaiten, ventillose Hörner und zuweilen halbe Orchesterbesetzungen in kleineren Sälen (direkterer Klang) zusammengenommen ein akzentuierteres, eher schrofferes - a-romantisches - Klangbild vermittelten.

Die meisten Orchester sind in den letzten 20 Jahren selbstredend nicht auf historische Instrumente umgestiegen, wenn sie Material aus der klassischen Periode oder dem Barock spielen. Aber soweit sie Haydn*, Beethoven etc. spielen, spielen sie diese meisten historisch informiert. D.h. die Längen, die wir von Aufnahmen und/oder Aufführungen aus den 60er, 70ern und 80ern kennen, sind heute wohl recht selten geworden.


* Romantisierende Haydn-Aufnahmen sind in meinen Ohren übrigens eine echte Katastrophe. Selbst in der Interpretation von Georg Solti, bekanntlich kein temperamentloser Dirigent, klingen Haydn-Sinfonien wie ein Satz eingeschlafener Füße. Es macht einen himmelweiten Unterschied aus, wenn man spätere, nur historisch informierte Aufnahmen von unbekannteres Interpreten hört. Wie z.B. diese:

https://www.amazon.de/Joseph-Haydn-Die-Londoner-Symphonien/dp/B001NG3PWK

Blöderweise gibt es von dieser Aufnahme keine Hörprobe.

Gut, dann nimm halt gleich den Harnoncourt;-) :

https://www.youtube.com/watch?v=X0rTRHFm-Wg


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